Bad

In Bad nehmen sich She She Pop den sadomasochistischen Pakt zur Vorlage für eine interaktive Performance: Mit respektvoller Distanz und erstaunlicher Nüchternheit werden in diesem Vertrag zwischen der Domina und ihren KundInnen moralische, soziale, sexuelle und politische Codes verhandelt. Schmerz- und Schamgrenzen werden individuell erforscht, um für den Kunden oder die Kundin ein theatrales Szenario zu erschaffen, das nach seinen/ihren Wünschen ausagiert wird. Die Domina ist darin die künstlerische Protagonistin und gleichzeitig die vollkommene Dienstleisterin: eine Utopie von der She She Pop seit Jahren träumen.
Seit Trust! (1998) beschäftigt sich die Arbeit des Performance-Kollektivs mit der Frage, welchen Stellenwert die Künstlerin in der Leistungsgesellschaft hat und wie ihre Leistung gemessen wird. In den Performances von She She Pop wird darum das Publikum immer wieder in das Szenario einbezogen, wird seine Anwesenheit nicht nur als Bestandteil, sondern als notwendige Voraussetzung für die Szene definiert.

Die Bühne ist ein Ring, ein Stuhlkreis für 60 Zuschauer und 6 PerformerInnen. Ein Ort, der zwischen Intimität und schonungsloser Öffentlichkeit oszillliert. Jeder sitzt im Licht. Und über die große Freifläche in der Mitte nähern sich Gestalten aus verschiedenen Angst- und Lustfantasien, um mit den Beobachtern Kontakt aufzunehmen und sie in ihre Szenarien zu verwickeln.
Die PerformerInnen von She She Pop stehen diesmal vor der Aufgabe, persönlich zu werden und sich Zutritt zu verschaffen zu individuellen Zuschauer-Fantasien - als Handelnde oder als Objekte der Begierde. Jede möchte irgendetwas für irgendjemanden sein. Dabei werfen die PerformerInnen ihre Körper als Einsatz in den Ring. Doch ebenso wie ihre Körper, steht ihre eigene hypermoralische, hyperrationale, hypersoziale Verfasstheit zur Debatte.

Bad ist ein Experiment zu Strategien der Selbstermächtigung und der lustvollen Aneignung von Macht- und Ohnmachtsfantasien im theatralen Kontext der Selbstinszenierung. Als künstlerische ProtagonistInnen wollen die PerformerInnen von She She Pop über die Fantasie des Publikums herrschen und stehen zugleich für deren Verwirklichung als perfekte DienstleisterInnen zur Verfügung. Zusätzlich diskutiert eine Expertenrunde offen über beiderseitige Schmerz- und Schamgrenzen. Die ZuschauerInnen beobachten die Performerinnen dabei, wie sie auf der Schwelle der Peinlichkeit - zwischen Kontrolle und Kontrollverlust - balancieren. Sie sehen ihren Sitznachbarn dabei zu, wie diese respektvoll mit ihrer eigenen Schamgrenze bekannt gemacht werden und bemerken schnell, dass sie dabei selbst beobachtet werden. Wie weit sind beide Seiten bereit zu gehen? Der unmittelbare Diskurs mit dem Publikum, die Kommunikation im Spiel wird dabei zur eigentlichen theatralen Handlung: “Que sera, sera!“

Credits

Konzept: She She Pop.
Mit: Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Katharina Oberlik, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf und Sebastian Bark.
Lichtdesign: Marek Lamprecht und Micha Lentner-Niyorugira.
Ton: Lars-Egge Müggenburg.

Eine Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/Main und dem Podewil Berlin.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Premiere: 31. Januar 2002, Kampnagel, Hamburg

Premiere, Januar 2002, Kampnagel, Hamburg

Weitere Termine:
  • Februar 2002, Mousonturm, Frankfurt/Main
  • September 2002, Podewil, Berlin
  • Juli 2003, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Schweiz
  • April 2004, Tanzquartier, Wien, Österreich
  • November 2004, Kaaitheater, Brüssel, Belgien

Trailer

Pressestimmen

’Bad’ sind diese Girls. Von Anfang an verkehren sie die Rollen, wirbeln Zuschauererwartungen und Theatergewohnheiten durcheinander. Nicht wer nackt ist, entblößt sich hier. (...) She She Pop spielen gekonnt mit Tabus und Ängsten. Ein großer Spaß, aber auch große Qualen für den Zuschauer, der seine Grenzen selbst ausloten muss. Wenn sich beim Flaschendrehen der Hals auf deine Richtung eintrudelt, bist du dran. Jetzt.
Karin Liebe, taz Hamburg, 2./3. Februar 2002

She She Pop erprobt viele Grenzen, auch die zwischen dem alten, plumpen Mitmachtheater und der Variante, die den Besucher tatsächlich als Akteur einbindet oder vielmehr ihm die Chance bietet, sich selbst zu testen. (...) Die bad girls von She She Pop (...) wissen einfach, wo der Spaß aufhört und die eigentliche Kunst der Verunsicherung anfängt.
Jutta Baier, Frankfurter Rundschau, 16. Februar 2002

Frauen, die sich trauen - Das Performance-Quintett She She Pop auf Kampnagel
Sie wollten einmal fabelhaft böse Mädchen sein und laden die Zuschauer ein, an ihren Horror-Vorstellungen Erotik-Fantasien teilzunehmen: Zum Beispiel sturzbetrunken mit runtergelassener Hose in der Menge dazustehn oder sich an Dauerorgasmen zu erfreuen. Das radikale Damen-Quintett "She She Pop" schont in der neuen Produktion "Bad" auf Kampnagel weder sich noch die Besucher beim Austesten von (Scham-) Grenzen.
Wer nur unterhalten werden will und Live-Art-Shows besucht, ist selber schuld. Hier wird die Kunst zu Leben. Grenzen zwischen Performern und Publikum sind aufgehoben. Beide sind Handelnde im interaktiven, trotz vorgegebener szenischer Strukturen offen gehaltenen Spielprozess. Er ereignet sich am jeweiligen Abend nur einmal so. Unwiederholbar. Im wahrsten Sinn des Wortes: das einmalige Erlebnis, auf das alle scharf sind und vor dem sie doch Muffensausen haben. Beruhigend ist: Im gruppendynamischen Sitzkreis gilt der Pakt: "Alles, was mit uns passiert, ist in Ordnung."
Außerdem verschiebt sich die Situation durch den Kunstkontext, unterscheidet sich vom Besuch eines Tabledance-Schuppens. Der Zuschauer sieht plötzlich sich selber zu – wie die Schauspieler. Er steht – richtiger: sitzt mehr oder minder entspannt – in und außerhalb der Situation. Blick, Reaktion und Denken öffnen sich in "Bad" beim Wechselspiel von verbaler oder körperlicher Erniedrigung und Preisgabe. Indem "She She Pop" sich riskant und mutig Freiheiten nehmen, zersetzen sie nicht ohne Humor, Selbstironie und Zynismus (Schönheits-) Klischees und sexuelle Macht-Mechanismen und finden – nicht nur für sich – zu einer Art Befreiung.
Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 2./3.2.2002

Vom festen Vorsatz, eine Veränderung erleben zu wollen
(...) Bei She She Pop kann sich das Publikum nicht zurücklehnen, es ist immer involviert. Die fünf Frauen absolvieren eine Live-Art-Show, die sich gewaschen hat. In ihrer eigens für das Kampnagel-Festival „Zeig mir dein Fleisch!“ produzierten Show „Bad“ ziehen sie alle Register ihrer Kunst. Mit umwerfender Spiellust inszenieren sie ein witziges Panorama weiblicher Boshaftigkeit und Schamlosigkeit im Zeichen sexueller Befreiung. In dauerndem Körper- und Seelenstriptease geben sie alles. (...) Auf der Grenze von Spiel und Authentizität tobend, die eigenen Schamgrenzen und die des Publikums überschreitend, reiht sich eine Provokation an die nächste. Die Performerinnen jonglieren mit Versatzstücken der Sex-Industrie, mit Porno-Formaten aus dem Fernsehen und der allgemeinen Enttabuisierung. Bei She She Pop ist alles möglich.
Die Welt, 2. Februar 2002