Warum tanzt ihr nicht?

Foto: Stefan Malzkorn
Foto: Stefan Malzkorn

Der Ballsaal ist ein Versprechen, ein Ort der großen Verheißungen und heimlichen Wünsche. Und – weil wünschen allein so oft nicht genügt – ein Ort der verborgenen Pläne, der alten und neuen Strategien, der groß angelegten Inszenierungen.

She She Pop verwandeln den Theaterraum in ein Tanzparkett und zeigen den Ballsaal mit seinen Mythen als ein Minenfeld peinlich übersteigerter Hoffnungen. Die Fallhöhe zwischen Fantasie und Realität ist enorm: Jede Tänzerin und jeder Tänzer, Ballkönigin, Mauerblümchen, Gentleman oder Gatecrasher, sieht sich hier gefangen in einer sorgfältig und kunstvoll gestalteten Rolle, deren abendliches Schicksal sich dann doch jenseits der eigenen Kontrolle entfaltet. Das Drama ihrer Selbstinszenierung vollzieht sich vor aller Augen. In der Künstlichkeit und Inszeniertheit des Ballsaal-Szenarios offenbaren die PerformerInnen dem Publikum ihren Wunsch nach Kontaktaufnahme, ihre Sehnsucht nach einer gelungenen Begegnung und Interaktion. Hier bekommt jeder Blickkontakt und jede harmlose Aufforderung zum Tanz eine Bedeutung, die alle Anwesenden erkennen und die sie entweder mutig schultern oder scheu zurückweisen.
Die Performerinnen sind hin- und hergerissen zwischen der Öffentlichkeit der Tanzfläche, wo jedes Vorhaben sichtbar wird, und dem Rückzug in eine kleine Video-Kabine, wo sie gegenüber der Kamera die Entwicklungen des Abends wie in einem Spiegel reflektieren: das Geschehen, ihr Schicksal, ihre Strategien müssen überprüft und, falls notwendig, geändert werden.
Der Ballsaal präsentiert sich als ein Dickicht aus persönlichen Geschichten, bedeutungsschweren Metaphern und akuter Entscheidungsnot.

Zwischen dem Tanzsaal und einer Video-Lounge, in der die Kamera-Bekenntnisse der PerformerInnen live übertragen werden, bewegen sich auch die ZuschauerInnen hin und her: Sie beobachten die TänzerInnen oder fordern sich gegenseitig zum Tanz auf, sie identifizieren sich mit den Wünschen der PerformerInnen oder erfüllen sie sogar selbst! Wie immer sie sich entscheiden, ob sie den Körperkontakt auf der Tanzfläche suchen oder aus sicherer Distanz draußen in der Video-Lounge zusehen: sie werden zu teilnehmenden Zeugen auswegloser Situationen und grandioser Triumphe.

Credits

Konzept: She She Pop.
Mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Katharina Oberlik, Ilia Papathodorou und Berit Stumpf.
Lichtdesign: Micha Lentner-Niyorugira und Oliver Petrowitsch.
Ton: Lars-Egge Müggenburg.
Bühne: SSP und Holger Duwe.
Assistenz: Kaja Jakstat.
Choreografische Beratung: Johnny Lloyd

Eine Koproduktion von She She Pop mit Kampnagel Hamburg und dem Hebbel am Ufer Berlin.

Gefördert durch
die Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg und den Fonds Darstellende Künste e.V.

Uraufführung: 14. Januar 2004, Kampnagel Hamburg

Premiere, Januar 2004, Kampnagel, Hamburg

Weitere Termine:
  • Februar 2004, HAU, Berlin
  • Juni 2004, d.a.m.p.f. Festival für Tanz, Medien und Performance, Köln
  • September 2004, Tanzquartier, Wien, Österreich
  • November 2004, FFT, Düsseldorf
  • April 2005, Kanonhallen, Kopenhagen, Dänemark
  • Mai 2005, 7. Internationale Ballett Tage, Staatstheater Oldenburg
  • Dezember 2005, Theaterfestival Spielart, München
  • Februar 2006, Tanzplattform, Stuttgart
  • September 2006, Mousonturm, Frankfurt/Main
  • November 2006, Kampnagel, Hamburg
  • Dezember 2006, Kampnagel, Hamburg
  • April 2008, Kulturforum, Fürth
  • Juli 2008, Festival Baltoscandal, Rakvere, Estland

Trailer

Pressestimmen

Witzig, peinlich, reich an Gefühlen und ein voller Erfolg beim Publikum.
Hamburger Morgenpost, 16. Januar 2004

"Warum tanzt ihr nicht?" ist eine wunderbare Arbeit, die unter anderem so gut funktioniert, weil sie immer an der Grenze zwischen Performance-Ebene und sozialem Ereignis oszilliert, (...)
Daniel Schreiber, Theater der Zeit, März 2004

Wann hat man zuletzt eine so traurige und doch würdevolle Nackte gesehen? Quer über die füllige Körperblässe die Schärpe der Ballkönigin, lächelt sie ein trauriges Clowns-Lächeln. Das Licht geht aus. Niemand sieht den letzten Tanz zum Song von Tracy Chapman. Aber alle machen mit.
taz Niedersachsen 28. Mai 2005

'Dreams are my reality' verkündet die Schärpe einer üppigen Brünetten im Wurstpellenkleid, die am Ende den anrührendsten (Seelen-)Striptease des Jahrhunderts hinlegen wird, (...) Ganz gleich, ob man mutig mitgetanzt oder sich in den hinteren Reihen der Tribüne verschanzt hat, so ganz ohne seelische Erschütterungen wird diesen gefühlsschwangeren Abend kaum einer verlassen haben.
Sylvia Stammen, Süddeutsche Zeitung, 3. Dezember 2005

Leicht verspätet aus der Reihe getanzt.
She She Pop mit einem neuen Programm in der Hamburger Kampnagelfabrik.

Under Pressure. Die rote Paillettenschrift auf Berit Stumpfs schlangenhaft enger Glitzerrobe trifft genau die Gefühle im Tanzsaal. Egal, ob auf sicherer Distanz zum Parkett oder ganz nah dran auf den Stühlen: Jeder Besucher fühlt sich irgendwie unter Druck gesetzt. Er weiß sich taxiert vom Gegenüber und zu eigenen Entscheidungen aufgefordert. Anstatt sich wie gewöhnlich als zahlender Konsument im sicheren Dunkel mit Unterhaltung bedienen zu lassen, steht er selber im Licht und ist verantwortlich für sein Vergnügen. Das ist Programm bei She She Pop, der renitenten, nicht mehr ganz so jungen, dafür umso erfolgreicheren Girl Group des Poptheaters.
Ihre neue interaktive Show Warum tanzt ihr nicht? in der Hamburger Kampnagelfabrik könnte für die eine oder den anderen vielleicht doch die alles entscheidende Ballnacht werden. Oder eben nur wieder eine Enttäuschung. Garantiert sind aber zwei Stunden Theateramüsement, (...)
Die sieben Damen und der eine Herr mit vorhanglangem Gigolo-Wimpernschlag geben sich alle Mühe, ihre Gäste behutsam doch beharrlich in Schwung zu bringen. Sie fungieren als Animateure und DJs, ergreifen die Initiative und spielen unter den bunt aufleuchtenden Japanbällen im Ballsaal den Ball wieder zurück ans Publikum.
Das ist nicht leicht abzuholen: Denn Paartanzen ist nicht unbedingt Sache der Club-Jugend. Sie produziert sich lieber solo auf dem Dancefloor. Doch She She Pop gibt nicht klein bei, besteht auf Kommunikation und verwehrt die Flucht ins autistische Techno-Gehampel. Stattdessen Schmuse-Musik oder heißer Mambo zur mehr oder weniger engen Kontaktaufnahme zwischen Fremden. Die Spieler versuchen zu zündeln, zu kuppeln und scheuen sich auch nicht davor, schamlos auszusprechen oder offen zu legen, was in manchem Zuschauer heimlich vorgehen mag. Drastik, Radikalität und ironische Rede sind eigentlich die Stärke von She She Pop. In dieser Show sind sie mehr auf mitreißend expressive und verführerische Körpersprache angewiesen. (...)
Klaus Witzeling, Kieler Nachrichten, 20. Januar 2004

Die Summe aller Tanzveranstaltungen
Kampnagel/Hebbel am Ufer: "Warum tanzt ihr nicht?" von und mit She She Pop.
(...) Die Performerinnen präsentieren für alle Facetten des Tanzballs ebenso präzise wie amüsante Texteinlagen, sie singen Liebeslieder-Karaoke, entledigen sich ihrer Kleider, suchen sich immer wieder Mittänzer im Publikum - und agieren ihren grandiosen Sinn fürs Absurd-Komische aus. Da gibt es zum Beispiel eine Rückzugsraum für diejenigen, denen es notfalls einfach zuviel wird. Auf dessen Tür steht in großen Buchstaben "privat". Das Geschehen, so wird erklärt, könne man übrigens auf der Videoleinwand im Foyer mitverfolgen. (...) Während des ganzen Abends schon verschwinden die Performerinnen nach und nach in das Privat-Räumchen. Die heimlichen Fantasien und die intimen Katastrophen ihrer Figuren werden hier virtuos auf die Spitze getrieben und mit noch offensiverem Humor ausgespielt. (...)
"Warum tanzt ihr nicht?" ist eine wunderbare Arbeit, die unter anderem so gut funktioniert, weil sie immer an der Grenze zwischen Performance-Ebene und sozialem Ereignis oszilliert, aber niemals zur gemeinsamen Gesellschaftstanzaktion kippt. She She Pop entwirft kein Mitmachtheater, sondern ein charmantes, hochkomisches und intelligentes Arrangement von in unserem Imaginären latenten Ereignispartituren. Geradezu verblüffend ist, wie die versteckte Psychosoziologie von Tanzstunden, Abschlussbällen und anderen Tanzveranstaltungen ausbuchstabiert wird. Die Performerinnen schaffen es, all jene Peinlichkeiten und Sehnsüchte zu evozieren, die solche Events in unserer Jugend mit sich brachten. (...)
Daniel Schreiber, TdZ, März 2004