Testament Hörspiel

Von und mit She She Pop & ihren Vätern

Hörspiel von und mit She She Pop & ihren Vätern.

She She Pop bitten ihre Väter ins Hörspielstudio, um sich noch einmal mit ihnen über Geld, Liebe, Erbe, 100 Ritter und König Lear auseinanderzusetzen.

Länge: ca. 54'30.

Credits

Konzept und Regie: She She Pop.
Produktion:
Deutschlandradio Kultur 2011.
Lears Töchter: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou.
König Lear:
Jochaim Bark, Peter Halmburger, Theo Papatheodorou.
Musik:
Max Knoth, Christopher Uhe.
Ton:
Andreas Narr, Max Knoth.
Technik: Hermann Leppich.
Regieassistenz: Susanne Franzmeyer.
Redaktion: Barbara Gerland.

Ursendung am 19. September 2011 um 00:05 Uhr, Deutschlandradio Kultur

Weitere Termine:
  • September 2011, Deutschlandradio Kultur
  • Dezember 2011, Schweizer Radio DRS 2
  • Januar 2012, NDR Kultur
  • Januar 2012, Bayern 2
  • Januar 2012, Bayern 2
  • April 2012, WDR 3
  • Juni 2012, Köln
  • Juni 2012, Deutschlandradio Kultur
  • Juli 2012, hr 2
  • September 2012, RBB Kulturradio
  • Oktober 2012, Hörtheater im frannz Berlin, Berlin
  • März 2013, Hellerau, Dresden
  • April 2013
  • Mai 2013

Auszeichnungen

Ausgezeichnet mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 2012

Bund der Kriegsblinden
Meldung auf Deutschlandradio Kultur

Pressestimmen

Wechselbäder von Komik und Tragik
Wenn es darum geht, die Konflikte, die jedem Generationswechsel innewohnen, auf die Bühne zu bringen, liegt nichts näher als die bekannte Geschichte vom alten König Lear. Seit Shakespeare weiß man, dass wer sich zu Lebzeiten auf den Deal „Landbesitz gegen Liebesschwur plus Altenpflege“ einlässt, besser mit seinen Ressourcen haushalten sollte. Der sofortige und komplette Verzicht auf alle weltlichen Güter erzeugt nur einen kurzen Zuwendungsimpuls, der schnell abklingt und einen für den Rest des Lebens im Elend dahinsiechen lässt. Es kommt also darauf an, sein Vermögen langsam an die Erben abfließen zu lassen, um ständig die Pflegebereitschaft der Nachkommen zu stimulieren und von ihren „Liebesemissionen“ zu profitieren.

Es ist der Architekt Peter Halmburger, der in She She Pops „Testament“ auf einem Flipchart Lears Fehler in ein Koordinatensystem einträgt und die optimale Verteilungskurve des Verhältnisses von Liebe und Zeit visualisiert – man muss nur den Zeitpunkt seines Todes genau planen. So komisch die Funktionsgraphen der sozialen Interaktionen auch anmuten, so radikal lassen sie sich ökonomisieren – einfach, indem man die Zeit in Geld umrechnet und indem die kinderlose Tochter einen „Enkelfaktor“ in die Gleichung einführt und für die ihr entgangene Zeit, die der Vater mit den Kinder der Schwester verbracht hat, entschädigt werden will. Für siebeneinhalb Enkeljahre werden 121 500 Euro fällig („Über eine Ratenzahlung können wir gerne reden“).

Doch das ökonomische Satyrspiel ist nicht die einzige und nicht einmal die wichtigste Dimension der „Verspäteten Vorbereitungen zum Generationswechsel“, wie die Theater- und Performance-Gruppe She She Pop ihre mehrfach ausgezeichnete Theaterproduktion „Testament“ untertitelt hat. Denn Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Sebastian Bark verhandeln den Generationswechsel direkt mit ihren (hier „weisungsgebundenen“) leiblichen Vätern Peter Halmburger, Theo Papatheodorou und Joachim Bark – auf der Bühne wie auch in der 55-minütgen Hörspielfassung. Der Lear dient dabei als Vorlage, auf der sich die gegenwärtigen Verhältnisse abbilden lassen.

Dass die Väter – alle um die 70, alle mit bildungsbürgerlichem Hintergrund und alle aus ihrer Sozialisation um 1968 mit der Politisierung des Privaten vertraut – dabei nicht ganz widerstandslos mitmachen, ist ein Gewinn für das Stück. Denn die Akteure werden nicht geschont, sondern in eine Selbstentblößung getrieben, die manchmal schwer erträglich ist. „Einen Exhibitionismus, der nichts Metaphorisches mehr hat“, wirft Theo Papatheodorou den Stücken seiner Tochter vor und möchte daran nicht beteiligt sein, wie man den eingespielten Probengesprächen entnimmt. „Da braucht es sehr viel Distanz, weil einige Sachen um der Theatralität willen gesagt werden“, entgegnet die Tochter – was wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit ist.

Den stärksten Moment hat die Inszenierung, als sich die Tochter einen Plan macht, wie sie gedenkt, ihren Vater so zu lieben, „wie es ihrer Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder“. In aller demütigenden Deutlichkeit zählt sie die Pflegemaßnahmen auf, die an einem auf seine bloße Kreatürlichkeit reduzierten Menschen vollzogen werden müssen. Und dazu intoniert der Vater mit brüchiger Stimme und geradezu flehend Withney Houstons superkitschigen und überhaupt nicht satisfaktionsfähigen Schmachtfetzen „I will always love you“ – und zwar als wäre der Song nur geschrieben worden, damit er genau so vorgetragen wird wie hier. Er ist wahrhaftig zum Heulen und nie wieder wird man ihn so hören können wie vorher. Eine ähnliche Wahrnehmungsverschiebung ist höchstens noch Christian Petzolds mehrfach ausgezeichnetem Fernsehfilm „Toter Mann“ (vgl. FK 23/02) gelungen, der Dionne Warwicks Song „What the world needs now is love“ die Unschuld genommen hat.

Es sind nicht nur die Wechselbäder von Komik und Tragik, die das Hörspiel „Testament“ auszeichnen, sondern auch die rückhaltlose und höchstpersönliche Auseinandersetzung mit Vertretern einer Generation, gegen deren „Zählebigkeit“ sich ein zynischer Ärztefunktionär vor Jahren einmal ein „sozialverträgliches Frühableben“ gewünscht hatte. Dass She She Pops Spiel mit Peinlichkeiten und Ambivalenzen, mit Grenzüberschreitungen und (Selbst-)Provokationen im Sinne Christoph Schlingensiefs auch jenseits der Theaterbühne, „auf der der Zuschauer schon im Bilde ist, bevor ein Schauspieler zu sprechen beginnt“ (Werner Klippert), funktioniert, liegt an eben jener akustischen Aufladung der Väterstimmen, in der die Differenz von fremdem und eigenem Text, von Privatheit und Rolle eingeschrieben ist. Stimmen, in denen auch die Differenz von individuellen Lebensentwürfen, gesellschaftlichen Bedingtheiten und künstlerischen Überspitzungen hörbar wird.

Kritik Jochen Meißner, Funkkorrespondenz 37/2011.