Hexploitation

Foto: She She Pop
Foto: She She Pop
Foto: She She Pop
Foto: Doro Tuch
Foto: Doro Tuch
Foto: Doro Tuch
Foto: Doro Tuch
Foto: Doro Tuch
Foto: Doro Tuch

1962 erschien der Film Whatever Happened to Baby Jane in den Kinos. Der psychologische Horrorthriller über zwei alternde weibliche Filmstars wurde zu einem überraschende Erfolg und begründete ein ganz neues Film-Genre: den sogenannten Psycho Biddy– oder Hagsploitation-Film. Die Film-Diva tritt in studierter Pose vor den Spiegel, sie sieht ihr gealtertes Gesicht als Zerrbild ihrer selbst und bricht darüber in einen grauenerregenden Schrei aus. Ein Bild, das zur Ikone geworden ist.

 

Dieses Jahr werden die Mitglieder von She She Pop alle um die 50 Jahre alt sein. Und so beschäftigen sie sich in Hexploitation mit der Angst vor der hag, der alten Frau und der Hexe. Dafür setzen die Performerinnen selbstverständlich ihre alternden Körper ein. Mit ihnen kämpfen sie gegen das Verschwinden und den Bedeutungsverlust, den Frauen jenseits der Gebärfähigkeit als gesellschaftliche Subjekte erleiden. Bis heute dient die Bezeichnung ‚Hexe‘ dazu, Frauen zu disziplinieren oder sie sozial herabzusetzen. Die Hexe, die anarchische, häretische Frau, steht für unproduktive Sexualität und für allgemein deviantes Verhalten gegenüber Machtstrukturen und Autoritäten.

 

In Hexploitation sperren She She Pop sich und ihr Publikum in einen Bühnenraum als düster-kitschiges Film-Set, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Live-Kamera dient ihnen als Vergrößerungsspiegel und intimes Untersuchungsinstrument. Mit ihrer Hilfe erforschen She She Pop als alternde psycho biddies eigene verstörende Makel und Obsessionen, sie spüren Tabus nach und untersuchen tradierte Hexendarstellungen. Dabei entdecken sie die Kamera auch als Zauberkasten, durch den sich der eigene Körper transzendieren lässt, um mit melodramatischem Ekel und komischer Lust immer neue befreiende Selbstbilder zu schaffen: „Mr. DeMille, I’m ready for my close-up!“ (Norma Desmond in Sunset Boulevard, 1950).

Credits

Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf.

Musik: Santiago Blaum, Video: Benjamin Krieg, Bühne: Sandra Fox, Kostüme: Lea Søvsø, Mitarbeit Kostüm: Lili Hillerich und Mads Dinesen, Künstlerische und dramaturgische Mitarbeit: Laia Ribera Cañénguez, Sounddesign: Manuel Horstmann, Licht: Michael Lentner, Technische Leitung: Sven Nichterlein, Video Assistenz: Daniela Garcia del Pomar, Feinmechanik Kamerasteuerung: Thilo Gödel, Embedded Software Ingenieur – Kamerasteuerung: Grzegorz Zajac, Hospitanz: Carolin Bodensteiner, Rodrigo Zorzanelli Cavalcanti, Produktionsleitung: Valeria Germain, PR, Kommunikation: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro, Freie Mitarbeit Kommunikation: Tina Ebert, Finanzadministration: Aminata Oelßner, Company Management: Elke Weber.

Dank an: Veronica Dyas (Dublin), Eva von Redecker (Berlin), Takako Shibata (Tokyo).

Eine Produktion von She She Pop in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, FFT Düsseldorf, Residenz Schauspiel Leipzig, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, Kaserne Basel, Dublin Theatre Festival und Festival delle Colline Torinesi Turin / TPE – Teatro Piemonte Europa.

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Termine

Premiere
19. September 2020, HAU, Berlin
Weitere Termine:
20., 22., 23., 24. September 2020, HAU, Berlin
30., 31. Oktober 2020, Kampnagel, Hamburg

Termine

Premiere
19. September 2020, HAU, Berlin
Weitere Termine:
20., 22., 23., 24. September 2020, HAU, Berlin
30., 31. Oktober 2020, Kampnagel, Hamburg

Pressestimmen

(…)Wie im Selbsterfahrungskurs als quasi frisch Pubertierende sitzen nun vier der She She Pop-Mitglieder (bei der Premiere Johanna Freiburg, Berit Stumpf, Mieke Matzke, Sebastian Bark) halbnackt auf der Bühne, betrachten mit Spiegeln ihre Geschlechtsteile – der Zeitpunkt ist reif, sich mal wieder gründlich den eigenen Körper anzuschauen, das eröffnet sich hier von Anfang an und hat etwas hinreißend Intimes jenseits jeder Peinlichkeit. (…) (…) Alles soll sichtbar sein. Es geht ums dünner und dicker werden, um Altersflecken, Stirnfalten, Bauchfett oder Menstruationsblut. Eine selbstironische körperliche Bestandsaufnahme legen die Performer*innen vor, die sich am Ende in eine großartige Pop-Show verwandelt. (…)
(…) In einer der schönsten Szenen werden einzelne gefilmte Körperteile auf der Videoleinwand verfremdet zusammengesetzt. So wird ein Kopf zum Unterleib oder krabbelt Sebastian Bark wie bei einer Geburt aus einer Scham heraus. Es sind herrlich selbstironische Geschlechter-Bilder, eine filmische Transformation, die austeilt und ironisiert in alle Richtungen. (…)
(…) Im furiosen Finale entsteht ein richtig düsterer Schamlippen-Wald ins Bühnenrund projiziert, mit dräuender Musik unterlegt, ein Anti-Porno-Bildergewitter aus Körperteilen und popmusikalischer Pathosformel. Zu Lana del Reys „Will you still love me when I’m no longer young and beautiful?“ erheben sich die vier Performer*innen, stehen einfach aufrecht da, eine kleine Geste, die aber großen kämpferischen Trotz zeigt. Vierzig Zuschauer können den Abend im Moment im Berliner HAU sehen, von ihnen umso größerer Jubel.
Simone Kaempf, nachtkritik, 19.09.2020

(…) Nicht nur Falten und Bauchspeck werden gezeigt, auch die weibliche Scham wird in Großaufnahmen an die Bühnenwand projiziert und immer wieder furios verfremdet. Körperteile und Gesichter verbinden sich, während über die Geschichte der Hexenverfolgung gesprochen wird oder die Performerinnen über Menstruation diskutieren, den Frauenkörper im Kapitalismus und körperliche Selbstwahrnehmung. „Sind das die Scheinwerfer oder erlebe ich eine Hitzewallung?“, fragt Berit Stumpf einmal. Der gerade einmal siebzigminütige Abend ist eine postdramatische Tour de Force, freudvoll, witzig und kampfeslustig. (..)
(…) Sie befragen und filmen einander, fordern sich heraus, mixen künstliches Menstruationsblut für ihr männliches Mitglied und schwingen sich zu immer intensiveren Gesten auf, bis sie zum Schluss in einem geradezu rauschhaften Finale aufräumen mit dem alten Narrativ. Aufgekündigt wird die Loyalität dem männlichen Blick gegenüber, der die Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann, nur als Hexe sehen will. Mit großen Gesten steigen sie auf Leitern und Showtreppen, wie selbstermächtigte Hagsploitation-Heldinnen und stimmen eine Zeile aus Lana del Reys großem Hit „Young and Beautiful“ (*) an: „Will you still love me when I’m no longer young and beautiful?“ Die Wirkung ist elektrisierend, das Publikum beglückt, gestärkt, verhext.
André Mumot, Deutschlandfunk Kultur, 19.09.2020

(…) Dass das weder pornographisch wirkt, noch provokant, sondern wie ein natürlicher Teil einer intimen Recherche, liegt am augenzwinkernden Spiel der Gruppe. Nicht ans diesem Abend ist verkrampft oder ausgestellt. (…) (…) der Abend gleicht einer höchst selbstironischen Mischung aus Horrorfilm und Hexenküche.(…) Es ist (..) [die] Intimität, die Unaufgeregtheit und der Humor, die einen erreichen.
Barbara Behrendt, Inforadio RBB Kultur, 19.09.2020

(…) Ein Körper ist eben nie nur ein Körper, am wenigsten ein weiblicher, weshalb der eigentliche Hauptparcours von „Hexploitation“ darin besteht, sich durch das Geflecht männlich dominierter Fremderzählungen, Mythen und Manipulationen vorzuarbeiten, die den weiblichen Körper erst kategorisierbar und verfügbar halten. Der hartnäckigen Diagnose von emotionaler Gereiztheit im Klimakterium etwa, die Mieke Matzke im Dozententon vorträgt, setzen die Performerinnen einfach den radikal emotionslosen, kalten Blick auf ihre genitale Anatomie entgegen. (…)„Hexploitation“ (…) überrascht durch seine gänzlich schamfreie Radikalität.
Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung, 21.09.20